Die Schüler Johann Sebastian Bachs

Johann Gottfried Schwanenberger

Johann Gottfried Schwanenberger (1737? - 1804) war ein Kind aus dem Braunschweigischen. Schon sein Vater Georg Ludwig war Kammermusikus am herzoglichen Hof in Wolfenbüttel. Dieser besuchte 1727/28 JS Bach in Leipzig, um bei ihm Generalbass und Tasteninstrumente zu erlernen. Vater Bach bat ihn, die Patenstelle seiner Tochter Regina Johanna zu übernehmen. Das Verhältnis zu Vater Bach dürfte also ein sehr freundschaftliches gewesen sein. Dass Vater Schwanenberger mehr als nur den Generalbass bei Bach erlernte, geht aus einem Brief an seinen Schwiegervater Johann Daniel Bähre, Organist an St. Petri in Braunschweig hervor: "Ich möchte wünschen, dass er Herrn Bachen auf der Orgel mal hörete. Er wahrhaftig sich von ihme wie auch keiner in Braunschweig sich aufdecken darf. Ich habe so etwas noch niemals gehöret. Und ich muss meine Spielart ganz anders ändern, denn es nicht zu rechnen ist, wie auch im Generalbass.  Ich werde, so Gott will und mir gesund lässt, ungemein fleissig sein, denn ich bin recht begierig, Herrn Bachen seine Art zu lernen." Möglicherweise wird Schwiegervater Bähre nicht sehr glücklich über diesen Brief gewesen sein, so unter dem Motto: ihr Braunschweiger Organisten (und auch du) können Herrn Bachen nicht das Wasser reichen.

Auf jeden Fall geht daraus hervor, dass Vater Schwanenberger seinem Sohn die "Bach´sche Art" beigebracht hat, und dass dieser das weitergegeben hat. Womit wir dann bei Louis Spohr, einem Schüler Schwanenbergers, und großer Bach-Verehrer angelangt wären.

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Seine musikalische Ausbildung erhielt Johann Gottfried ausser bei seinem Vater, noch bei Georg Caspar Schürmann (Hofkapellmeister) und I. Fiorillo (ebenfalls Hofkapellmeister in Braunschweig).

Er ist folglich ein direkter Enkelschüler Bachs. Seine weitere Ausbildung erhielt er in Venedig bei N. Hasse. Dort blieb er sechs Jahre und wurde danach als Nachfolger Fiorillos zum Hofkapellmeister in Wolfenbüttel ernannt.

Schwanenberg hat ca. zwanzig Claviersonaten hinterlassen. Davon sind dankbarerweise acht Sonaten in einem Neudruck erschienen, darunter auch eine Sonate in B-Dur, die lange unter  Joseph Haydns  Autorschaft segelte (H.XVI,17). Laut Hoboken hat Haydn diese Sonate als von ihm komponiert anerkannt. Na denn....

Wenig erstaunlich ist, dass diese Sonate sich so lange unter Haydns Namen halten konnte, begrüßen einen doch ab dem 1. Takt des Eröffnungssatzes die ach so bekannten süddeutschen Albertibässe. Das Hauptthema des 1. Satzes stammt übrigens aus Johann Christian Bachs Sonate in B-Dur op. 17,6 , in London 1780 im Druck erschienen. Schwanenberger konnte folglich durchaus diese Sonaten gekannt und als Anlass genommen haben, sich auch in dieser Kompositionsweise zu versuchen. Es ist der einzige Versuch geblieben. Im übrigen sind der zweite Satz (g-moll, Andante) under Dritte (Allegro) so Haydn-untypisch, dass die Frage auftaucht, wie man Derartiges Haydn zuschreiben kann.

Wer jedoch jetzt annehmen sollte, das Schwanenberger sich, wie auch immer, an dem Clavierschaffen CPEB´s orientierte, täuscht sich. Kaum eine Spur von CPEB´s Kompositionsweise ist bei ihm zu entdecken. Es ist schon erstaunlich, da CPEB´s Werke in Wolfenbüttel hinlänglich bekannt waren, wie die Bestände der Wolfenbütteler Bibliothek zeigen.

Woran hat sich Schwanenberger orientiert? Das Nächstliegende ist, die Werke seiner Lehrer zu untersuchen: sein Vater (als JSB-Schüler): von ihm ist nichts erhalten. Sein Lehrer Ignazio Fiorillo? Dieser hat 1750 in Braunschweig sechs 1-sätzige Cembalosonaten  drucken lassen, wobei die letzten beiden Sonaten Fugen sind. Ergebnis: Null. Sein weiterer Lehrer Johann Adolf Hasse? Auch dieser hat 1758 sechs Cembalosonaten in London drucken lassen. Aber auch hier kommt der Eindruck auf, dass, bis auf zeitübliche Floskeln, der Einfluss sehr gering ist.

Was bietet Schwanenberger als Claviersonatenkomponist? Erstaunlicherweise sind seine Sonaten mehrheitlich 2-sätzig, wobei der Schlussatz meist mit einer schnellen Tempoangabe versehen ist. Des weiteren, auch erstaunlich, sind  etliche seiner Sonatensätze nicht zweiteilig, also ohne Doppelstrich, obwohl Durchführung und Reprise vorhanden sind. Sein Stil ist, vor allem in den Einleitungssätzen, der Empfindsamkeit angenähert, was von den Schlusssätzen nicht gesagt werden kann. Die zeigen eine robuste Härte, verbunden mit "pianistischen Nickeligkeiten". Schon Burney stellte fest, nach einem Besuch in Wolfenbüttel, dass Schwanenberger ein herausragender Interpret auf dem Clavier sei. Das bekommt der Spieler in den Schlusssätzen dann auch geboten. Manchmal übertreibt Schwanenberger die Sequenzenreiterei, was ermüdend wirken kann.

Hier als Beispiel der Beginn seiner Sonate in A-Dur, Nr.4 in der Hofmeisterausgabe:

und das erwartet den Spieler im Presto-Schlusssatz:

Dass Schwanenberger auch Sonaten in Moll-Tonarten geschrieben hat bedarf keiner weiteren Erläuterung. In der bislang bekannten Sonate in a-moll, Nr.7 in der Hofmeisterausgabe, fehlt jedoch jegliche Empfindsamkeit in dem Einleitungssatz. Er ist härter, harmonisch schärfer, stilistisch mit Polyphonie durchsetzt, also norddeutscher, barocker:

In dieser Härte präsentiert sich auch der Schlusssatz, einem "Allegro assai".

In den vorliegenden veröffentlichten Sonaten sind originale dynamische Angaben spärlich vorhanden. Das verführt dazu, diese Werke auch auf einem Cembalo auszuprobieren. Sie klingen vorzüglich darauf.

In dem Archiv der Berliner Singakademie liegen drei weitere Claviersonaten (in Es, G, B) Schwanenbergs als Handschriften. Sie sind 2-sätzig und bestätigen die oben getätigten Aussagen. Hier ein Beispiel daraus.

Vorläufiges Fazit: die Claviersonaten Schwanenbergs lohnen der Beschäftigung mit ihnen. Er ist unter den norddeutschen Komponisten eine Ausnahme, weil er sich nicht dem stilistischen "Diktat" (ironisch gemeint) CPEB´s angepasst hat, sondern seinen eigenen Clavierstil präsentiert. Nicht alles von ihm Geschriebene kann aus heutiger Sicht als gelungen bezeichnet werden, aber seine Sonaten stehen doch weit über dem Durchschnitt der damaligen Gebrauchsmusik. Für Spieler sind sie eine dankbare Abwechslung. Hoffentlich "erbarmt" sich die Tonträgerindustrie und ein Interpret den Hörern.